Reallabore und Realexperimente

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Gertec bei der Reallabor-Konferenz in Dresden

Gertec hat sich mit dem Reallabor-Format „KlimaTraining“, dem Verlauf und den Ergebnissen aus den verschiedenen Städten des ZUG Städtenetzwerks Klimaschonende Entscheidungen auf der Reallabor-Konferenz in Dresden am 11. und 12. April 2024 vorgestellt (siehe ). Die vom Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ veranstaltet Konferenz mit dem Titel „Reallabore – ExperimentierRäume für den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft“ fand im Deutschen Hygienemuseum statt und beschäftigte sich mit dem Gestalten und Erforschen von Reallaboren in Wissenschaft und Praxis. Einen Tag zuvor fand eine Einführung in das Thema der Konferenz vom Karlsruher Transformationszentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel (KAT), das mittlerweile über 10 Jahre Erfahrung in der Reallaborforschung hat, statt, in der die Grundlagen der Reallaborforschung in einer interaktiven Schulung vorstellt wurden. [1]

Die nachfolgende Definition und Einordnung beruht größtenteils auf dieser Schulung, die von Oliver Parodi, Susanne Ober, Claudia Schreider und Marius Albiez (KAT) durchgeführt wurde.

Definition von Reallaboren

Reallabore sind beständige Institutionen, die den gesellschaftlichen Wandel begleiten. Sie entstammen der Nachhaltigkeitsforschung und stellen eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft dar. Sie sind verwandt mit den schon etwas länger existierenden „living labs“. Trotzdem sind Reallabore kein rein neues Format und werden als Weiterentwicklung von transdisziplinärer und transformativer Forschung betrachtet. In der Form, in der sie jetzt (wissenschaftlich) besprochen werden, gibt es sie seit circa 15 Jahren. Sowohl der Begriff als auch das Format sind deshalb noch recht jung und definitionsoffen. [2]

Das Wissenschaftsverständnis von Reallaboren ist das einer transformativen und transdisziplinären Wissenschaft, d.h. es ist eine Art der Forschung, die Veränderungen anstoßen will und bei der Forscher und Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. Reallabore betreiben Wissenschaft für Nachhaltigkeit, das heißt, sie folgen bestimmten Werten und Zielen. Außerdem betreiben sie Wissenschaft für, in und mit der Gesellschaft. Mit diesem Format wird der Wandel aus der Innenperspektive erforscht; Forschende begeben sich in den Prozess hinein. Die Grundidee der Transdisziplinarität ist, dass verschiedene Wissenschaftszweige mit Menschen aus der Praxis auf Augenhöhe zusammenarbeiten, um realweltliche Fragestellungen zu bearbeiten. [2]

Reallabore schaffen einen Experimentierraum und stellen einen Rahmen dar. In ihnen werden räumlich abgegrenzte Nachhaltigkeitsexperimente durchgeführt. Häufig werden Reallabore durch die Wissenschaft initiiert, aber das muss nicht zwangsläufig der Fall sein. Idealerweise stellen Reallabore die Infrastruktur für Transformationsprozesse dar, d.h. es besteht ein Rahmen aus finanziellen Mitteln, Personal, (kommunikativen und sozialen) Netzwerken, Räumlichkeiten, Öffentlichkeitsarbeit und Forschungsinfrastruktur, in dem Realexperimente der Nachhaltigkeit durchgeführt werden. Diese Infrastruktur besteht im besten Fall auch langfristig, also mehrere Jahrzehnte. Dies ist aufgrund der meist zeitlich kürzeren Förderperioden aber oft nicht der Fall. Ein Reallabor, das auch dieses Kriterium erfüllt, ist das Quartier Zukunft – Labor Stadt in Karlsruhe, das vom KAT betrieben wird. Hier hat man eine langfristige Struktur aufbauen können, indem immer wieder neue Fördermittel herangezogen und kombiniert wurden.  [2]

„Ein Reallabor bezeichnet eine transdisziplinäre Forschungseinrichtung, um in einem räumlich abgegrenzten gesellschaftlichen Kontext Nachhaltigkeitsexperimente durchzuführen, um Transformationsprozesse anzustoßen und um entsprechende wissenschaftliche wie gesellschaftliche Lernprozesse zu verstetigen“ [3].

Kerncharakteristika von Reallaboren

Die Kerncharakteristika von Reallaboren sind in Tabelle 1 dargestellt. Diese sollten laut Parodi und Steglich (2021) in einem Reallabore idealerweise alle erfüllt sein. Wie bereits angesprochen ist der Begriff Reallabor noch recht neu und deutungsoffen. Deshalb finden sich in der Tabelle ebenfalls die Reallaborkriterien des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), ehemals Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi), das einen eher praxisorientieren und anwendungsbezogenen Blick auf das Thema widerspiegelt. Es fällt auf, dass sich die Definitionen eines Reallabors stark unterscheiden und eine unterschiedliche Tiefe der Betrachtung in der Wissenschaft und der Praxis vorliegt.

Kerncharakteristika von ReallaborenBeschreibung nach Parodi und Steglich [4]Reallaborkriterien des BMWi (jetzt BMWK) [2]
1. Forschungsorientierung„wissenschaftliche Unternehmungen, die auf die Erzeugung von Wissen […] abzielen…“
2. Transformativität (bzw. Gestaltung)„tragen unmittelbar […] zur Nachhaltigkeits-transformation bei“Innovation
3. Normativität und Nachhaltigkeit„tragen unmittelbar […] zur Nachhaltigkeits-transformation bei“Energiewende
4. Transdisziplinarität und Partizipation„Der vorherrschende Wissenschaftsmodus ist […] Transdisziplinarität.“
5. Zivilgesellschaftliche Orientierung„Neben anderen außerwissenschaftlichen Personen wird insbesondere die Zivilgesellschaft einbezogen.“
6.Modellcharaktr, Übertragbarkeit„Reallabore […] streben […] eine Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse und Problemlösungen auf andere Kontexte, Räume und Skalen an.“Modellcharakter, Übertragbarkeit
7. Langfristigkeit Erläuterung: 10, 50, vielleicht sogar 100 Jahre – Es geht um den Aufbau von Infrastruktur. Aber das ist nicht einfach, weil die Förderperioden idR deutlich kürzer sind.„möglichst langfristig angelegt“
8. Laborcharakter und Experimentierraum„Im Reallabor werden Experimente durchgeführt […].“Experimentierräume durch Deregulierung
9. Bildung (Lernen)„stark verdichtete Lernräume und als solche zumindest implizit Bildungseinrichtungen“ 
Tabelle 1: Charakteristika von Reallaboren

Akteure in Reallaboren

Kreise-Modell der Akteurskonstellation in einem Reallabor (Quelle: Seebacher, Alcántara, Quint 2018)

Entscheidende Aspekte in Reallaboren sind Kommunikation und Partizipation. Das 3-Kreise-Modell der Akteurskonstellationen von Seebacher et al. (2018) verdeutlicht die Vielfalt, aber auch die Vielschichtigkeit von Akteuren, die an einem Reallabor beteiligt sind.

Neben dem Kernbereich der Akteure (erster Kreis), die für die Konzeption, Prozessgestaltung und Steuerung zuständig sind, sind im zweiten Kreis diejenigen Akteure zusammengefasst, die besonders intensiv bei den Reallaboraktivitäten mitwirken. Im äußeren, dem dritten Kreis befinden sich die Akteure, die sich sporadisch an den Aktivitäten im Reallabor beteiligen. Akteure werden in Sektoren zusammengefasst, wenn sie demselben Kontext angehören. Die Sektoren sind im Regelfall kreisübergreifend und sind bestenfalls auf allen drei Kreisebenen vertreten. [5]

Die Zusammenarbeit dieser Akteure im Reallabor sollte als Kooperation (Austausch mit Entscheidungsmacht bei den Projektverantwortlichen) oder als Kollaboration angelegt sein, also als Zusammenarbeit gleichberechtigter Akteure [2].

Realexperimente

Reallabore stellen den Rahmen, die Infrastruktur dar, in denen Realexperimente durchgeführt werden. Realexperimente sind der zentrale Forschungs- und Erkenntnismodus in Reallaboren und spiegeln dabei die Kerncharakteristika von Reallaboren wider [6]. Die beiden Begriffe unterscheiden sich hauptsächlich in Bezug auf die Langfristigkeit, den Laborcharakters und die Bildung (siehe Tabelle 2).

ReallaborRealexperiment
7. LangfristigkeitTemporär
8. Laborcharakter und ExperimentierraumExperimente innerhalb des Labors
9. Bildung (Lernen)Bildung kann dabei sein (muss aber nicht)
Tabelle 2: Unterschiede in den Kerncharakteristika zwischen Reallabor und Realexperiment [6]

Ein Realexperiment zeichnet sich dadurch aus, dass es wissenschaftlich fundiert und experimentell in realweltlich alltäglichen Kontexten durchgeführt wird. Realexperimente sind die zentrale Methodik zum Erkenntnisgewinn und der Gestaltung in Reallaboren. Realexperimente zielen auf eine – zumindest temporäre – Veränderung der Gestaltung der realweltlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten ab. Ihre adäquate Einbettung in den lokalen, gesellschaftlichen Kontext ist dabei Voraussetzung und Gelingensbedingung. Zusätzlich zu den Kriterien für ein allgemeines wissenschaftliches Experiment – (teilweise) kontrollierte Bedingungen, Methoden-geleitet, umfassende Dokumentation, neues Wissen als Ziel und Ergebnis – gelten für Realexperimente also noch die folgenden Kriterien: Einbettung in einen realweltlichen, also auch konkret gesellschaftlichen und kulturellen Kontext, und Ziel einer (temporären) Gestaltung der Gesellschaft. [3]

Realexperimente sind transdisziplinäre und transformative Experimente im Reallabor. Sie grenzen sich ab von:

  • Technischen und sozialen Innovationen und Prototypen, die auf eine Erprobung und Kontextualisierung derselben abzielen,
  • Klassischen natur- oder sozialwissenschaftlichen Experimenten zur Generierung von Systemwissen, welche nicht transdisziplinär sind,
  • Selbstexperimente bei denen Individuen eigene Handlungsweisen und Muster reflektieren und diese temporär ändern und erforschen (ggf. mit wissenschaftlicher Begleitung) und
  • Gedankenexperimente, z.B. Szenarien-Workshops oder Serious Gaming mit Entscheider*innen.

Nicht alle Experimente im Reallabor müssen Realexperimente sein. Nur wenn es sich um „echte“ Realexperimente handelt, sollte auch von Realexperimenten gesprochen werden, ansonsten besser von „Experimenten im Reallabor“. Realexperimente können „scheitern“ – Reallabore sollten Bestand haben und „erfolgreich“ sein. [6]

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