Reallabore – Wirkungsvoller Ansatz, um klimafreundliche Lebensstile in der Stadtgesellschaft zu fördern?

Lesedauer 4 Minuten

Im Rahmen der Gertec 30 Minuten Runde hat Christian Kleinschmidt einen Vortrag zu dem Thema gehalten. Schauen Sie ihn hier an.

Was sind Reallabore?

Der Begriff „Reallabor“ steht für ein Format, bei dem die Gesellschaft und die Wissenschaft gemeinsam neue Lösungsansätze für nachhaltiges Leben in der Praxis testen (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg). Der Experimentiercharakter steht dabei im Fokus von Reallaboren. Es sollen in einem realen Lebensumfeld, über einen definierten Zeitraum konkrete Veränderungen ausprobiert werden. Ziel ist es, herauszufinden, wie sich umweltfreundliche Verhaltensweisen langfristig im Alltag etablieren lassen.

Komponenten für ein Reallabor

Damit ein Reallabor erfolgreich funktionieren kann, müssen aus unserer Erfahrung vier wesentliche Bausteine erfüllt sein:

  • Motivation
    Alle Teilnehmer*innen müssen intrinsisch motiviert sein, etwas verändern zu wollen. Ebenso braucht es Mut, sich auf Veränderungen einzulassen.
  • Planung
    Alle Teilnehmer*innen erstellen zu Beginn einen selbst entwickelten Plan, in dem sie ihre selbst gesteckten Ziele festhalten.
  • Gelegenheiten
    Es müssen konkrete Möglichkeiten geschaffen werden, neue Verhaltensweisen im Alltag erproben zu können
  • Wissen
    Sowohl fachliche als auch methodische Informationen von Expert*innen oder Anbietenden unterstützen die Haushalte dabei den angestrebten Wandel zu vollziehen. Dabei kann das vermittelte Wissen von CO2-Bilanzen bis hin zu Alltagstipps variieren.

Der Marktplatz der Möglichkeiten

Ein zentrales Format innerhalb der im Durschnitt 8-monatigen Reallabore ist der „Marktplatz“. Hier treffen die Teilnehmer:innen auf Anbietende wie Umweltberatungen, Mobilitätsdienstleister oder Energieunternehmen. Die Teilnehmer*innen haben hier die Möglichkeit neue  klimaschonende Verhaltensweisen auszuprobieren, so zum Beispiel das Testen eines Lastenrads, ein Brotbackkurs in einer nachhaltigen Backstube oder die persönliche Energieberatung vor Ort. Dabei übernehmen die Anbietenden nicht nur eine beratende Rolle, sondern fungieren auch als Themenpat:innen. Bereits vor dem Kernelement des „Marktplatzes“ setzen sich die Teilnehmer:innen ihre eigenen Ziele , die sie im Verlauf des Projekts umsetzen wollen. Dabei werden sie durch individuelle Coachings unterstützt. Dabei ist es wichtig, dass das gesamte Konzept auf Freiwilligkeit und Eigeninitiative basiert – also der intrinsischen Motivation.

Reallabore in der Praxis

Das erste Reallabor-Projekt startete 2019 in Münster. Die Teilnehmenden vor Ort waren so begeistert von dem Format, dass sie gemeinsam mit der Gertec und der Stadt Münster ein Konzept zur Verstetigung des Reallabors entwickelten. Aufbauend auf diesem Erfolg wurde die Gertec anschließend vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz mit dem Netzwerkmanagement für die Konzeption und Umsetzung weiterer Reallabore beauftragt.
Seither wurden Reallabore in weiteren Städten wie Düsseldorf, Wuppertal, Essen, Bielefeld und im Kreis Steinfurt realisiert. Im Frühjahr 2025 beginnt zudem ein neues Projekt in Gelsenkirchen. Besonders daran ist, dass sich das Reallabor erstmals auf ein einzelnes Quartier in Gelsenkirchen konzentriert und neben den 12 bis 15 teilnehmenden Stammhaushalten zeitweise auch für die breite Öffentlichkeit geöffnet wird. Im Städtenetzwerk Klimaschonende Entscheidungen können die teilnehmenden Städte Erfahrungen austauschen, so bilden sich auch Synergien und Lerneffekte.

In der Pilotkommune Münster ist das Reallabor in das sogenannte Klimatraining gemündet. Hier werden die Leute, die am Reallabor teilgenommen haben zu Klimatrainer:innen ausgebildet und können danach, wie in einer Art Schneeballprinzip andere Menschen auf dem Weg zu einer klimaschonenden Lebensweise begleiten.

Messbare Wirkung und große Resonanz

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Reallabore einen messbaren Beitrag zur Reduktion von Emissionen leisten können. Durchschnittlich spart jede teilnehmende Person rund 500kg CO2 ein. Besonders aktiv sind viele Teilnehmer*innen in dem Bereich Konsum und Ernährung -Themen, die leicht zugänglich sind und direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben haben. Dennoch gibt es eine hohe Bandbreite an umgesetzten Maßnahmen. Diese reichen von einfachen Anpassungen wie dem Wechsel zu LED-Beleuchtungen, dem Einkauf im Unverpackt-Laden oder der Mülltrennung bis hin zu größeren Investitionen, z.B. der Installation von PV-Anlagen oder dem Wechsel zu einer Wärmepumpe.

Bisher nahmen rund 200 Haushalte in verschiedenen Projekten am Reallabor teil. Die hohe Beteiligung und die positive Resonanz sprechen für die Wirksamkeit des innovativen Ansatzes. Darüber hinaus tragen viele Teilnehmer*innen ihre Erfahrungen in ihr privates Umfeld weiter, so entsteht eine Multiplikatoreneffekt und eine klimaschonende Lebensweise kann verbreitet werden.

Die Projekte werden auch medial begleitet und dokumentiert, unter anderen durch Beiträge in der WDR Lokalzeit oder auf Arte. So wurden beispielsweise zwei Familien in ihrem Alltag begleitet, um zu zeigen, wie sie klimafreundlicher leben können [1, 2]. Interessierte können auch Eindrücke, Erfahrungsberichte und Videos auf den begleitenden Social-Media-Kanäle finden [6]. 

Abschließend machen Reallabore deutlich, dass Klimaschutz alltagstauglich, lebensnah und positiv gestaltet werden kann. Durch gezielte Impulse, Unterstützung und konkrete Handlungsmöglichkeiten lassen sich nachhaltige und klimaschonende Lebensstile wirksam fördern. 

War der Artikel hilfreich?

Beitrag veröffentlicht am

Neueste Beiträge