Klimawandel und unsere Gesundheit – The Lancet Studie

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Das renommierte medizinische Fachjournal “The Lancet“ veröffentlicht seit 2021 regelmäßig Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels in Europa, die außerdem Konsequenzen für das tägliche Leben, öffentliche Ausgaben und die Wirtschaftsleistung in Europa haben. Wir fassen hier die zentralen Punkte der Studie aus dem Bereich Klimawandel und öffentliche Gesundheit zusammen.

Warum ist das wichtig?

Die Temperaturen in Europa steigen doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. 2023 war ein weiteres Rekordjahr, zugleich wurde von September 2023 bis ungefähr März 2024 ein El Nino-Südoszillationsereignis beobachtet. Durch die steigende Durchschnittstemperatur steigt auch das gesundheitliche Risiko der Bevölkerung durch z.B. Hitzschlag und Dehydrierung.

Die Autor*innen der Studie attestieren: die Folgen des Klimawandels bedrohen auch uns in Europa und die Systeme sind nicht gut darauf vorbereitet. Angesichts dieser zunehmenden gesundheitlichen Risiken durch den Klimawandel wird es immer wichtiger, diese Dimension stärker in Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte einzubinden. Die gesundheitlichen Vorteile klimaschonenden Verhaltens sollten in der Kommunikation deutlicher herausgestellt und das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass viele klimabedingte Veränderungen allmählich und mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen auftreten.

Das wichtigste in Kürze:

Temperaturanstieg als zentraler Faktor

Der Temperaturanstieg hat sich in Europa als Schlüsselfaktor für vermehrte Hitzewellen und gesundheitliche Risiken erwiesen. Die Zahl heißer Tage ist in der letzten Dekade um 41 % gestiegen, und Hitzewellen betreffen heute 1,28 Milliarden Menschen mehr als zuvor, besonders stark in Südspanien und Griechenland. Parallel dazu haben hitzebedingte Todesfälle zugenommen, mit einem geschätzten Wert von über 60.000 im Sommer 2022. Frauen sind dabei überproportional betroffen, mit einer Sterblichkeitsrate, die stärker anstieg als bei Männern.

Die Hitzegefährdung ist innerhalb urbaner Regionen ungleich verteilt, besonders in Vierteln mit geringer grüner Infrastruktur. Süd- und Osteuropa leiden zudem zunehmend unter Wasserknappheit, während Nordeuropa eine leichte Verringerung des Dürrerisikos aufweist. West-Europa erlebt hingegen eine deutliche Zunahme moderater bis extremer Dürren.

Höhere Luft- und Wassertemperaturen begünstigen Infektionen mit Bakterien wie Vibrio, die z. B. nekrotisierende Fasziitis verursachen. Während Hitzewellen breitet sich das Bakterium entlang von Küsten aus und erhöht das Infektionsrisiko in Europa jährlich auf zusätzlichen 136 km Küstenlinie. Auch tropische Viren wie das West-Nil-Virus, Dengue und Malaria können durch Mückenarten in wärmere, nördliche Regionen vordringen. Allerdings verfügen nur wenige Städte über Monitoring-Systeme, um solche klimatisch bedingten Gesundheitsrisiken zu erfassen und frühzeitig zu reagieren.

Indirekte und mittelfristige Konsequenzen

Der Bericht betrachtet zusätzlich indirekte Auswirkungen der klimatischen Veränderungen, wie z.B. den Indikator 1.1.3 „physical activity related heat stress risk“ (Hitzestressrisiko durch physische Aktivität, bzw. Sport). Durch die hohen Temperaturen verlagern Menschen ihre sportlichen Aktivitäten in die kühleren Randzeiten oder setzen Sport ganz aus, was mittelfristig gesundheitliche Konsequenzen und teilweise hohe Behandlungskosten für Zivilisationskrankheiten wie Adiposität, Herzleiden oder Typ 2 Diabetes zur Folge haben kann.

2021 war zudem der Zugang zu ausreichend sicherer, nahrhafter und erschwinglicher Nahrung (Food Security) für annähernd 60 Millionen Menschen in ganz Europa moderat bis schwer eingeschränkt, wovon 11,9 Millionen Fälle auf eine höhere Anzahl von Hitzetagen und Dürremonaten zurückzuführen sind. Daraus kann Mangelernährung entstehen, die wiederum z.B. die kognitive Entwicklung von Kindern einschränkt und die Behandlung chronischer gesundheitlicher Probleme erschwert. Besonders betroffen sind auch ältere Menschen und Haushalte mit geringen Einkommen. Van Daalen et. al. sprechen sich in diesem Zusammenhang für eine verstärkt pflanzenbasierte Ernährungsweise aus.

Wie gut sind die Gesundheitssysteme vorbereitet und was kann ich tun?

Van Daalen et al. ziehen den Schlusssatz, dass Europas Gesundheitssysteme weiterhin unzureichend an die Folgen des Klimawandels vorbereitet sind und verweisen auf die Notwendigkeit, öffentliche Gesundheit und andere gesundheitsrelevante Sektoren integriert zu betrachten.

Während die Betroffenheit regionalen Unterschieden unterliegt, wird insgesamt deutlich, dass der Klimawandel in Europa zunehmende gesamtgesellschaftliche und vor allem gesundheitliche Folgen hat. Dabei betonen die Autoren wie wichtig die Chancengleichheit für marginalisierte Gruppen für die Ausrichtung von Anpassungsmaßnahmen ist.

Van Daalen et. al. konnten aber auch zeigen, wie wichtig grüne Infrastruktur für die Mitigation der Klimafolgen für die menschliche Gesundheit sein kann. Indem sich z.B. mehr Menschen für den Erhalt von Stadtbäumen, Parks und Alleen, aber auch für die Installation von z.B. Fassadengrün, Wasserspielen und Entsiegelungsmaßnahmen stark machen, können die Folgen von Hitzewellen abgemildert und ein Teil der Lebensqualität in urbanen Räumen erhalten werden.  

Was bedeutet das für mich?

Ein anderes Team (Amelung, Fischer, Herrmann et.al. 2019) hat herausgefunden, dass Haushalte durch die Kommunikation der direkten gesundheitlichen Vorteile von Klimaschutz motiviert wurden, ihr eigenes Verhalten klimaschonender zu gestalten [2]. Beispiele für klimaschonendes Verhalten, dass gleichzeitig unsere Gesundheit unterstützt, sind z.B. Radfahren und zu Fuß gehen oder die Adaption der sogenannten „Planetary Health Diet“. Diese Schritte können relativ schnell und kostengünstig implementiert werden, tragen zum Klimaschutz bei und ermöglichen uns – mit ein bisschen Glück und Einsatz – ein gesünderes Leben.

Dies zeigt, dass in kommenden Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepten die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels stärker als bisher in der Kommunikation hervorgehoben und wo möglich auch die gesundheitlichen Benefits von klimaschonendem Verhalten aufzuzeigen sind. Zugleich sollte das Bewusstsein geschärft werden, dass viele Veränderungen des Klimawandels schleichend eintreten und gesamtgesellschaftliche Folgen nach sich trafen.

Weitere Links:

Zusätzlich zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels betrachtet der Bericht auch dessen Auswirklungen auf europäischen Wirtschafts- und Finanzsektor sowie das öffentliche und politische Engagement im Thema Gesundheit und Klimawandel. Der gesamte Bericht ist online unter der unten angegebenen DOI erhältlich.


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