Behind the Scenes mit Andreas Hübner und Heli Kasa GWÖ-bilanzierung

Lesedauer 6 Minuten

Das Interview wurde geführt von Sandra Roth am 13.06.2024, 14:00 Uhr 


Im Rahmen des Unternehmensnetzwerks „Münsters Allianz für Klimaschutz“, welches Gertec seit vielen Jahren betreut, wurde das Thema 2018 bei einem Netzwerktreffen von Teilnehmenden angesprochen. In diesem Zusammenhang gab es dann auch die Info, dass die Münsteraner Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Petra Teitscheid gemeinsam mit Student*innen mehrere Pilotunternehmen sucht, die bei der Erstellung einer Gemeinwohl-Ökonomiebilanzierung unterstützt werden können.  

Gemeinsam mit anderen Unternehmen aus dem Netzwerk hat sich Gertec daraufhin für die Teilnahme am Pilotprojekt gemeldet. In einem ersten Schritt sind dann Studierende in die teilnehmenden Unternehmen gekommen und haben sehr viele Fragen gestellt, die im Rahmen der Erstellung der Gemeinwohl-Ökonomiebilanzierung beantwortet werden müssen. Diese Methode war für Gertec neu und daher äußerst spannend, denn normalerweise stellen Gertec-Mitarbeitende im Rahmen ihrer Beratungstätigkeiten viele Fragen.  

Neben den Besuchen der einzelnen Pilotunternehmen gab es darüber hinaus gemeinsame Veranstaltungen mit den anderen Pilotunternehmen, bei denen unterschiedlichste Fragen gestellt und beantwortet wurden. Als Resultat haben die Studierenden dann einen ersten Berichtsentwurf für Gertec erstellt.  

Das kann Andreas Hübner bejahen. Auf Basis der Antworten haben die Studierenden zunächst einen ersten Berichtsentwurf erstellt, welcher im weiteren Verlauf des Verfahrens dann verifiziert wurde. In diesem laufenden Prozess wurde beispielsweise überprüft, ob die Handlungsschwerpunkte von Gertec anhand der vorab gegebenen Antworten exakt getroffen wurden, ob diese deckungsgleich waren mit den Antworten und ob die Herausforderungen für Gertec richtig herausgearbeitet wurden.  

Neben den klassischen und erwartbaren Fragen wie Ökostrombezug, Mobilität zum Arbeitsplatz etc. gab es auch Fragen, die soziale Themen angesprochen haben. Dabei ist der Umgang mit den Mitarbeitenden und deren Hierarchie untereinander, aber auch die Transparenz hinsichtlich der wirtschaftlichen Situationen abgedeckt worden. Die Frage, die mir jedoch am meisten in Erinnerung geblieben ist, war die Frage nach der Höhe des Faktors zwischen dem Mitarbeitenden, der am meisten und dem, der am wenigsten verdient. Diese Frage konnte auch nicht ad hoc beantwortet werden, sondern da musste die Buchhaltung erst einmal recherchieren. Diese Zahl hatten wir vorher noch nie ausgerechnet! Sie bildet jedoch auch das Selbstverständnis des Unternehmens im Hinblick auf die Rolle gegenüber seinen Mitarbeitenden ab.  

Bei etwa 80% der Fragen fiel die Beantwortung nicht schwer. Allerdings gab es auch Fragen, wie: Ob auf die Menschenwürde in der Lieferkette geachtet wird. Da der Fragenkatalog nicht explizit für Ingenieurbüros konzipiert wurde, sondern auch für z.B. produzierende Unternehmen, sind auch viele Fragen enthalten, die  nicht entscheidend  für unsere Klassifizierung sind, die aber  ein guter Impuls sind, der zum Nachdenken und Hinterfragen anregt.  

Andreas Hübner sieht den meisten Aufwand im Heraussuchen von Kennzahlen, denn viele Daten liegen nicht standardmäßig in der Buchhaltung vor und müssen separat erhoben werden. Diese mussten auch für die zweite Bilanz händisch errechnet werden und das wird auch für die dritte Bilanz der Fall sein, welche nach der Sommerpause 2024 in Angriff genommen wird. 

Bei der Peer-Evaluierung saßen alle Vertreter*innen der Pilotunternehmen gemeinsam mit zwei externen Auditoren zusammen und jedes Unternehmen hat vorgestellt, was es bei ausgewählten Fragen geantwortet hat. Im Gespräch wurde dann die Selbsteinschätzung mit den jeweiligen Punkten diskutiert. Dies war also eine Mischung aus Eigeneinschätzung und der Einschätzung der anderen Unternehmen – unter den Augen der externen Auditoren. 

Bei der zweiten Auditierung ist ein externer Auditor zu Gertec gekommen und hat die Selbsteinschätzung – also den zweiten Bilanzierungsbericht – überprüft und im Rahmen eines externen Zertifizierungsverfahrens bestätigt.  

Heli Kasa berichtet, dass sich Gertec in den letzten Jahren vor allem mit dem firmeneigenen Verkehr beschäftigt hat. Leider hängt das aber nicht nur in den Händen der Unternehmensführung, sondern auch von externen Gegebenheiten ab. Hier haben aber schon vielfältige Gespräche, z.B. mit CarSharing-Anbietenden stattgefunden, um die Firmenfahrten nachhaltiger zu gestalten. Auch die Einführung von Jobbikeleasing und Jobticket konnten hoffentlich zur Verbesserung in der Gemeinwohl-Ökonomiebilanzierung beitragen.  

Heli Kasa sieht Gertec im nachhaltigen Konsum recht weit vorne. Einmal die Woche wird den Mitarbeitenden eine biologische Obst- und Gemüsekiste zur Verfügung gestellt. Hygieneartikel wie Spülmittel und Seifen sind ökologisch und nachhaltig. Darüber hinaus gibt es einen Wasserspender, um Flaschen zu vermeiden und es wird Ökostrom von den EWS Elektrizitätswerke Schönau eG bezogen. Bei den Meetings werden Obst und belegte Brötchen ohne Fleisch zur Verfügung gestellt. Aber auch die konsequente Nutzung von Recyclingpapier legen die Gertec-Einstellung dar. Luft nach oben ist sicherlich noch vorhanden, aber dennoch ist Gertec hier auf einem guten Weg. 

Hinzu kommt, dass die tägliche Arbeit der Gertec die Nachhaltigkeitsziele generell unterstützt. Sei es in der Erstellung von Konzepten zur Nutzung regenerativer Energien oder der Beratung zum ökologischen Bauen, zum Klimaschutz sowie zur Klimafolgenanpassung – Berührungspunkte gibt es viele!  

So unterstützt Gertec zudem seit zwei Jahren eine Behindertenwerkstatt in der Region finanziell, die in unserem Auftrag Gegenstände des alltäglichen Bedarfs, wie Hand- und Geschirrtücher herstellt und dann an soziale Einrichtungen spendet. Die Werkstatt hat dadurch gesichert Arbeit für Ihre Mitarbeiter*innen und eine soziale Einrichtung erhält hochwertige Produkte, die in einem sozialen Kontext der Teilhabe hergestellt wurden, die sie lange nutzen kann. 

Durch viele kleine Maßnahmen wird das Gemeinwohl bei Gertec gestärkt und spiegelt sich damit natürlich auch positiv in unserer Gemeinwohl-Ökonomiebilanz wider. 

Andreas Hübner und Heli Kasa haben von anderen Ingenieurbüros oder direkten Mitkonkurrenten bisher noch nicht aktiv wahrnehmen können, dass diese beispielsweise mit dem Logo auf dem Briefpapier oder der Website werben. Dennoch kennen beide andere Unternehmen, wie Banken oder aber auch Kommunen und Vereine, die sich das Thema der Gemeinwohl-Ökonomiebilanzierung bereits auf die Fahnen geschrieben haben und dies auch zum Teil sehr aktiv bewerben. Für beide verkörpert dies zum einen ein positives Bild, wie Unternehmer*innen agieren sowie zum anderen auch ein bestimmtes Menschenbild. 

Andreas Hübner und Heli Kasa möchten andere Unternehmen ermutigen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Der Begriff klingt zwar „sperrig“ und auf den ersten Blick irritieren einige Fragen, aber die Erstellung einer Gemeinwohl-Ökonomiebilanzierung sorgt für einen Erkenntnisgewinn. Viele Themen betrachtet man dabei auch für sich persönlich – unabhängig von der Unternehmenssicht – und hatte diese vielleicht noch gar nicht „auf dem Schirm“ und das allein trägt schon zu einer Erweiterung des Blickwinkels oder zum Blick „über den eigenen Tellerrand“ hinaus bei. So ist es schon ein Gewinn, wenn man sich (privat) mit der Frage beschäftigt, wie nachhaltig eigentlich das persönliche Kreditinstitut ist und welche Projekte mit dem Geld der Anleger*innen finanziert werden.  

Wir möchten dazu anregen sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und Denkanstöße zu erhalten, wenngleich vielleicht noch nicht sofort die Erstellung einer Unternehmens-Gemeinwohl-Ökonomiebilanzierung daraus resultiert. Denn auch der kleinste Beitrag ist ein Beitrag! 

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